Schönheitsideale – Part II

Mal ganz abgesehen von der gesellschaftlichen Bühne, auf der der Kampf mit Schönheitsidealen ausgefochten wird, gibt es einen weiteren, ähnlich komplexen Schauplatz: meine eigene Bühne, mein eigenes Spiel, mein eigener Kampf mit meinem Körper, losgelöst von der Betrachtung im Gesamtkontext.

Mit meinem Köper und meinem Gewicht ist das ein wenig wie mit einer Wippe: es geht auf und ab und auf und ab. Und das schon seit Teenagerzeiten. Mit 1,86m Größe bin ich für eine Frau besonders groß, das erleichtert das Thema nicht wirklich. Zum Glück bin ich mit einem einigermaßen wohlproportionierten Körper gesegnet worden, sodass die Größe weniger stark auffällt, als man meinen könnte. Diese Proportionen passen aber nicht in eine 38, auch nicht mehr in eine 40. Karl Lagerfeld würde die Nase rümpfen und auch bei Abercrombie & Fitch wäre ich wohl keine gern gesehene Kundin mehr – tragisch.

Ich stehe vor dem Spiegel und betrachte meinen Körper von oben bis unten. Die Liste der Kritikpunkte, die mir sofort einfallen, ist lang. Hier nicht straff genug, da zu viel Fett, dort zu wenig Kontur. Und so weiter. Dann zwinge ich mich dazu, eine Liste der Dinge in meinem Kopf zu nennen, die mir gefallen. Es klingt skurril, aber das ist schwerer als man sich es vorstellt. Sind wir doch nur gewöhnt, uns negativ zu beleuchten und mit dem viel zu dünnen „Standard“ zu vergleichen. Und trotzdem finde ich sie, die Stellen, die ich für keinen Preis der Welt tauschen würde. Mir schweift ein sanftes Lächeln übers Gesicht. Ich mag mein sinnlich geformtes Gesicht, die hohen Wangenknochen, die kleine schmale Nase, die vollen Lippen, die weißen, geraden Zähne. Die wilde, ungezähmte schulterlange Haarmähne steht zunächst im Widerspruch zu meinen so oft als „skandinavisch“ oder „baltisch“ bezeichneten Gesichtszügen. Sie verleiht ihnen etwas Leidenschaftliches, das ich glaube auch oft mit meinem typisch schelmischen Blick in meinen Augen zu tragen.

Vom Hals herab empfinde ich meinen Körper als sehr weiblich, fraulich, sinnlich, kurvig, weich. Sofort kreischen die Alarmglocken: „Du musst trainiert sein! Straff! Schmal! Zierlich!“. Ich schiebe diese Gedanken weg. Meine stattliche Brust zieht natürlich auch meine eigenen Blicke auf sich. Gegen diese habe ich neben meinem Gesicht wohl am wenigsten einzuwenden. Doch direkt danach folgen mein Bauch und meine Hüfte, mein absolutes Hassgebiet. Niemals wird dieser Bereich meines Körpers auch nur annährend so aussehen, wie es auf Werbeplakaten oder Fashionanzeigen präsentiert wird. Wieder halte ich inne, zwinge mich meine Augen zu schließen und lasse meine Hände meinen Bauch und meine Hüften abtasten. Und kann schon viel weniger dagegen einwenden. Es fühlt sich weich und wohlig an, meine Haut besonders zart. Dann kommen mein Po und meine Beine. Die Zufriedenheit steigt wieder an, insbesondere da ich aufgrund meiner Größe mit echt langen Beinen ausgestattet bin.

Ich werfe mir ein luftiges Sommerkleidchen über und wende mich ein letztes Mal vor dem Spiegel vor und zurück. Ach, eigentlich ist doch alles in Ordnung so wie es ist. Ich genieße mein Leben viel zu sehr und gerne, als mich von mir selbst abwenden zu wollen. Ich lächle mir selbst triumphierend zu, wende den Blick nach vorne, und gehe raus. Und werde mir als allererstes eine Trüffelpizza und ein Glas Weißwein gönnen.

 

2 Gedanken zu “Schönheitsideale – Part II

  1. Klasse Beitrag!
    Ich finde das mit den Größen und den Schönheitsidealen immer total überbewertet. In einem Oberteil habe ich Größe XS, im nächsten wieder Größe M – alles fällt anders und ganz ehrlich, lieber trage ich zu groß als zu eng, auch wenn sich das kleinere immer besser anhört! Ich bin so oft an einem Punkt, wo ich vor dem Spiegel stehe und meine Hüften wegzaubernd würde und das bisschen Bauchspeck – auch wenn ich eigentlich eine echt gute Figur hab… Aber ich glaube die struggles wird es bei mir immer geben 🙂 Sei glücklich so wie du bist ist immer so leicht gesagt, wenn dann doch jeder möchte das du anders bist und sell und jenem entsprechen musst… der Beitrag hat mich gerade definitiv zum Nachdenken angeregt❤️

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    1. Liebe Rebecca!! Danke für deine ausführliche Antwort. Ich denke, es gibt niemanden, der keine Komplexe mit seiner Figur hat. Man muss einfach versuchen, sich wohl zu fühlen und nicht zu erreichen, dass sich die anderen mit unserer Figur wohlfühlen. In diesem Sinne: #WeComeInAllShapesAndSizes !!!

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