Woher soll ich wissen, was ich will?

„Seek what sets your soul on fire.“

Letztens habe ich diesen Satz gelesen, der, wie mittlerweile so oft bei Instagram, Tumblr, Pinterest und Co gesehen, im Imperativ geschrieben ist, und habe für einen Moment innegehalten. Nur für ein paar Sekunden bin ich im Geiste aus dem stets geschäftigen Tagestrott geflohen. Das tut man ja nur noch selten. Man hangelt sich von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Wochenende zu Wochenende. Aber wie oft hinterfragen wir dabei noch den Sinn unserer Aktivitäten? Wie oft stoppen wir uns inmitten unserer Tage oder Nächte um zu hinterfragen, ob das, was wir scheinbar so selbstverständlich tagtäglich mit unserer Zeit und Kraft unternehmen, überhaupt dem entspricht, was wir tun möchten?

Ist das überhaupt gewünscht, dass wir das tun, was wir tun möchten? Oder sollten wir nicht viel eher das tun, was uns die Gesellschaft, unser Umfeld, unsere Freunde oder auch Familie uns aufoktroyiert? „Du sollst dein Abitur machen, ins Ausland gehen, studieren, Praktika machen, Sprachen lernen, heiraten, ein Haus bauen, Kinder kriegen“. So könnte das Standartprogramm für jedermann heißen, gäbe es einen angenehmen, optimalen, ebenen Lebensweg bei Rewe im Regal zu kaufen. Einmal dann zum mitnehmen, bitte.

Bis zum Ende der Teenagerzeit war ich es gewohnt, meine Entscheidungen zwar gefühlt früh selbst treffen zu dürfen. Natürlich mussten diese aber stets mit meinen Eltern abgesprochen und von diesen abgesegnet werden. Dadurch gab es immer ein Sicherheitsnetz, immer eine weitere Instanz, derer man sich bewusst war. Dadurch war der freie Wille zwar von autonomer Natur, jedoch stand er stets unter einem gewissen Einfluss vom Elternhaus. Zumindest bis zum Studium ging das so.


Doch von Jahr zu Jahr wird der Einfluss weniger. Das ist zum einen natürlich gut so, mit Mitte 20 sollte man ja irgendwann auch mal flügge werden. Im Alltag ist es schon lange unvorstellbar, noch regelmäßig den Input der (bei mir) über 400km entfernt lebenden Eltern einzuholen. Doch gleichzeitig ist es erschreckend, wie hilflos oder orientierungslos man sich dabei fühlen kann. Natürlich kann ich mir jederzeit den Rat meiner Eltern einholen, wenn mir der meiner Freunde im unmittelbaren Umfeld nicht genug oder nicht sicher genug ist. Aber am Ende jeder Auseinandersetzung mit einer das Leben beeinflussenden Entscheidung heißt es: „Tu das, was du wirklich möchtest. Hör in dich hinein. Lass dein Bauchgefühl entscheiden.“

Genau hier liegt aber auch das Problem: der Bauch durfte immer schon Entscheidungen übernehmen. Als Kind entschied dieser, ob man ein Vanille- oder ein Schokoeis wählt. Im Teenageralter entschied sich dieser für das eine oder jene Outfit. Während des Studiums entschied er, ob man mit einem Typen auf einer Party knutschen sollte oder nicht. Aber jetzt soll er plötzlich tiefgreifende Entscheidungen übernehmen. Woher soll er das können? Es ist angsteinflößend. Es ist, als wäre ich 25 Jahre lang einen mal mehr, mal weniger geraden Weg gegangen. Hätte an Kreuzungen gestanden, gewisse Wege eingeschlagen. Wäre manchmal zurück zur Kreuzung gegangen, wenn ich gemerkt hatte, dass ich die falsche Abbiegung gewählt hatte. Aber die Entscheidungen wurden stets bewacht und erfuhren hierdurch regelmäßig eine gewisse Legitimation.


Jetzt stehe ich am Ufer eines großen Ozeans voller Entscheidungen. Die Möwen, die über meinem Kopf kreisen, schreien „Du hast alle Möglichkeiten der Welt“ und „Dir stehen so viele Türen offen“. Gleichzeitig, etwas weiter weg und schüchterner, rufen sie mir entgegen „Sei vorsichtig! Jede Entscheidung, die du jetzt triffst, beeinflusst deine Zukunft“ und „Du musst wissen, was du willst, damit du den richtigen Weg gehen kannst“.

Also setze ich mich auf den sandigen Boden meines Lebens und beobachte den Wind, die Wellen, den Horizont. Ich glaube, ich weiß ungefähr, welchen Weg ich einschlagen werde. Aber der Wind weht noch zu stark und die Möwen schreien noch zu laut. Bald, bald ziehe ich los mit einem eigenen, neuen, erwachsenen Plan. Und lasse die 25 Jahre auf dem Boden hinter mir zurück.

 

5 Gedanken zu “Woher soll ich wissen, was ich will?

  1. Ich habe relativ früh gelernt schnelle Entscheidungen zu treffen. Wie das ging oder wieso – keine Ahnung.

    Ich bemerke jedoch je älter ich werde, desto schwieriger fällt es mir. Vielleicht auch, weil die Entscheidungen größer werden.

    Schöner Post in jedem fall!

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  2. Sehr schöner Post..
    für mich wird es mit Jahr zu Jahr schwieriger die Richtig Entscheidung tu treffen, da ich vorsichtiger werde und keine „Fehler“ begehen möchte.. obwohl mir sehr wohl bewusst ist, dass und diese Fehltritte weiterbringen im Leben..

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  3. Ein ganz wunderbarer Beitrag! Ich hab in letzter Zeit auch häufig über das Thema nachgedacht. Und bin der Überzeugung, dass gerade weil uns alle Wege offen stehen, wir alles tun können, die Entscheidung umso schwerer fällt.

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  4. Ein sehr schöner Beitrag! Ich fande es am Anfang (z.B. nach dem Abitur) schwierig selbst Entscheidungen zu treffen, bzw. war es ein ungewohntes Gefühl, dass man wirklich selbst für sich jegliche Entscheidung treffen muss und das „Sicherheitsnetz“ kaum noch vorhanden war.
    Liebe Grüße
    Evy

    http://www.itsevy.com

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  5. Oh wow! Ich mag deine Art zu schreiben sehr!
    Das mit dem vorgegebenen Weg kenne ich – und es hat mich verdammt viel Mut gekostet den nicht zu nehmen. Viele Tränen, ein abgebrochenes Abi und auch viele tolle Momente später bin ich absolut froh darüber… Doch ich weiß, dass in einem Jahr wieder Entscheidungen anstehen werden, und die muss ich dann ganz alleine treffen – was mir Angst macht.

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