Wind auf meiner Haut

Ich sitze auf meinem Bett, die Sonne hat sich bereits hinter die Gebäudefassaden verabschiedet. Durch das geöffnete Fenster weht eine seichte Sommerbrise herein, die die Überbleibsel eines heißen Sommertages, gepaart mit dem fernen Reden und Lachen einiger Passanten zu mir ins Zimmer trägt. Der blaue Himmel färbt sich in weiche Töne von rosa und orange. Es war ein heißer Tag. Einer, der dich erschöpft zurück lässt, dehydriert und verschwitzt.


Mein Herz liegt tonnenschwer in meiner Brust. Ich blicke gedankenverloren auf die gegenüberliegenden Häuser und frage mich, wie so oft, wer die Menschen sind, die hinter den Fassaden leben. Wie lautet ihre Geschichte? Was sind ihre Sorgen? Welche Päckchen haben sie zu tragen? Ist auch ihr Leben, von außen betrachtet, perfekt, für westliche Standards? Meine Gedanken schweifen zurück zu meinem eigenen Leben. Ich lebe in einer überprivilegierten, weißen, westeuropäischen Gesellschaft. Habe eine unglaublich unterstützende Familie. Bin gesund. Darf studieren und sogar nebenbei ein wenig jobben. Ich darf Auto fahren, wählen, Miniröcke tragen, meinen Tag nach meinem Gusto verbringen. Und doch fehlt mir etwas.

Liebe. Nicht die Liebe, die man von seiner Familie, seinen Freunden, seinem Umfeld erfährt. Nicht rein körperliche Liebe. Es fehlt mir, händchenhaltend durch die Straßen zu schlendern. Es fehlt mir, mit einem tollen Mann bei einem Abendessen verliebte Blicke auszutauschen oder tuschelnd die Köpfe zusammenzustecken und vielsagend zu Grinsen. Es fehlt mir, jemandem abends von meinem Tag zu berichten, mag er noch so belanglos gewesen sein. Es fehlt mir, mich klein und geborgen zu fühlen. Wenn ich mich abends ins Bett lege treiben sich so viele Gedanken in meinem Kopf rum. Es fehlt mir, dass in diesen Momenten jemand neben mir liegt und mir aufmerksam zuhört, mir die Haare aus dem Gesicht streicht und mir ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit gibt.


Aber es gilt ja in heutiger Zeit als schwach und verzweifelt, solche Gedanken und Sehnsüchte auszusprechen. Damit macht man sich ja für potentielle Partner ach so unattraktiv. Ist doch heutzutage nichts wichtiger, als unabhängig zu sein und frei und desinteressiert. Ja, nur das ist wirklich sexy, offenbar. Weswegen sich allesamt, in Bars oder Clubs, in feindseliger Stimmung herablassend beäugen. Man darf ja kein Interesse zeigen! Bloß nicht!

Und am Ende der Nacht gehen die wenigen Mutigen, von Alkohol und Endorphinen berauscht, gemeinsam nach Hause, um eine heiße Nacht zwischen den Laken zu verbringen und morgens verkatert den Heimweg alleine anzutreten, wohlwissend, dass man die Handynummer sowieso nicht hätte austauschen brauchen. Wozu denn. Es war doch nur Spaß. Die Begegnung, die letzten, gemeinsam verbrachten Stunden so flüchtig wie ein Sturm, der kommt, und genauso so schnell wieder geht. Der jedes Mal, wie einen zerbrochenen Ast oder einen umgerissenen Gartenzaun, Wunden hinterlässt, welche zu klein sind, um sie als gravierend zu empfinden, die aber für den Einzelnen mit der Zeit immer tiefer werden.

Die andere Hälfte geht alleine nach Hause, skurril zufrieden über die Tatsache, die perfekte Show des unerreichbaren Singles dargeboten zu haben, gleichzeitig so leer und traurig, weil sie dann doch wie jeden Abend alleine schlafen geht und sich wieder niemand für sie interessiert. Es ist verabscheuenswert und absurd, wie ekelhaft die jungen Leute sich verhalten, aufgrund dieser toxischen Mischung aus Verzweiflung und unbeholfener Anbiederung. Ich spiele dieses Spiel nicht mit.

 

4 Gedanken zu “Wind auf meiner Haut

  1. Es ist schon seltsam wie sehr wir bemüht sind erwachsen zu werden,
    den Schleier der Albernheiten versuchen abzustreifen,
    der uns doch nur Albernheit beschert,
    um dann in der Liebe wieder nach etwas Kindlichkeit zu suchen.
    All die Regeln der Etikette innerlicher und äußerlicher Distanz aufzuheben,
    um mit jemandem zu verschmelzen der uns alle Vernunft vergessen lässt.

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  2. Ich bin der Böse.
    Die kommt nicht.
    Rein gar nichts fällt vom Himmel außer saurem Regen.
    Aber mit einer hohen Schmerzgrenze kann man versuchen selbst diese Liebe zu sein.

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